Die Leben der Anderen

 

Sie hatte sich angewöhnt, Nachrufe über die Anderen zu schreiben. Knappe Texte, die sich für die Lokalzeitung eigneten, die Abschiedsfeier im Betrieb oder die Internetseite des Vereins.


So hatte sie Kontrolle über die Leben der Anderen. Sie saß meist in einer Ecke und beobachte. Eher selten führte ein Cabeceo zur Verabredung einer Tanda mit den Anderen, von denen sie wenig wusste. Sie unterhielt sich nicht gerne.

Aber trotzdem kannte sie die Leben der Anderen. Sie konnte ja alles in ihrem Tanzen lesen. 



Schon in der ersten Schnupperstunde sah sie in den unbeholfenen, staksenden, gewollten Schritten der Kursteilnehmer deren Schicksale. Und Hugo, der Argentinier, der schon vor Jahrzehnten in ihrer Stadt gestrandet war, bestätigte sie: „100 Tangueros, das sind 100 Tanzstile, und eben 100 verschiedene Leben. Wie einer Tango tanzt, verrät alles über ihn.“

In den ersten Jahren folgte sie einfach ihrer Intuition. Es war ja offensichtlich, dass der milchgesichtige Mittfünfziger, der wie ein schlecht computeranimiertes Marshmallow-Männchen gleichförmig seine Dame manövrierte, sich seinen Speck irgendwo in der mittleren Beamtenlaufbahn angefressen hatte. ... Dass ihn seine Frau nach zwanzig Jahren Ehe verlassen hatte, belastete ihn lange ... Oder die Sekretärin: Gute Fußtechnik, großes Schrittrepertoire, aber alles wirkte immer so glatt, alle Schritte immer gleich groß, gleich schnell. ... Sie war überall beliebt, benahm sich immer angemessen, besuchte wöchentlich das Fitnessstudio, ... , hinterließ keine Spuren, ...

 

Bei Promille-Paula, die, wie jeder sofort roch, selbst für die monatliche Nachmittagsmilonga zu Hause vortrank, zögerte sie zunächst. Paula schlängelte ihren dünnen, in schwarze Spitze gehüllten Arm mit betonter Leidenschaft über die Schulter ihres Tänzers und stürzte sich auf jeden Führungsimpuls, der irgendwie in einer spektakulären Pose enden könnte. Immer trug Paula ein knappes, schwarzes Reißverschlusskleid, das viel Haut entblößte. Zunächst schwankte sie zwischen Kunst- oder Yoga-Lehrerin. Doch dann öffnete ihr eines Nachts ein Traum die Augen. Sofort hastete sie zum Rechner, fiebrig hämmerten ihre Finger: ... brach sie 1988 ihr Kunststudium erfolglos ab, Seminare für Eurythmie und Freies Tanzen in einer Landkommune, unstetes Leben als Kunsthandwerkerin auf Esoterikmärkten, erbte das Elternhaus in der Kleinstadt, starb einsam ...

 

Dem jungen schlanken Tänzer mit zum akkuraten Scheitel gegelten Haaren und perfekter Technik folgten ihre Blicke gerne.  Seine in anthrazitfarbene Bundfaltenhosen gehüllten Beine hackten reihenweise Sacadas in die Moulinetten der Tangueras, so wie ein Messerwerfer scharfe Klingen zwischen den Gliedmaßen der auf einer Scheibe rotierenden Partnerin platziert. Er trat in die Fußstapfen seines früh verstorbenen Vaters..., führte die Arztpraxis weiter, ... , glücklich verheiratet mit seiner Jugendfreundin, tragischer früher Tod beim Gleitschirmfliegen... hatte sie ohne zu zögern in die Datei Schnösel getippt.

 

Aufgefordert wurde sie. Führende fühlten sich von ihren Ochos, die sie mit einem leichten Nachschwingen der Hüfte tanzte, inspiriert. Eine intensive Tanda mit ihr hinerließ bei den Tangueros aber oft den schalen Eindruck, eigentlich gar nicht selbst geführt zu haben, ja sie fühlten sich fast ein wenig unterworfen. Einer glaubte, in ihrer Art, wie sie Führung und Musik interpretierte, eine gewisse Ironie zu erkennen. Weil er oft wie ein Ertrinkender rudernd mit den Armen führte und seine schwankende Achse selten unter Kontrolle bekam, hatte sie seinen Nachruf unter dem Namen Schilf abgespeichert.

 

Die Szene ihrer Stadt war übersichtlich. Dennoch hortete sie bald über 100 Nachrufe, über 100 Seelen. Sie verlor den Überblick. Die Frauen unterteilte sie daher in Anfängerin, Konkurrentin, Vorbild, die Männer in inspirierend, erträglich, Zumutung. Als sie entdeckte, dass sie sich mit dieser etwas plumpen Zuordnung auf eine Ebene mit den Anderen begab, nahm sie wieder Abstand davon.

 

Im Laufe der Jahre musste sie die Art, wie sie die Anderen in ihrem Tanzen erkannte, verfeinern. Denn auch die Tänzer ihrer kleinen Stadt fuhren auf Festivals, Encuentros oder Marathons und profitierten von den jungen, argentinischen Paaren, die selbst hier in der Provinz Wochenendworkshops gaben. Das offensichtlich Charakteristische, die Unbeholfenheit, das manchmal Steife, manchmal Gewollte und Unkontrollierte war konformeren, eleganteren Bewegungen gewichen. Doch mit ihren vor dem Spiegel trainierten Enrosques, mit ihrer krampfhaften Suche nach eleganten Füßen, mit ihrem Streben, die heilige Tangomusik möglichst authentisch zu interpretieren, entblößten sich die Anderen umso mehr vor ihr.

Auch den Neuen, einen muskulösen, etwas gedrungenen Glatzkopf, ihr fiel als Dateiname sofort Arjen Robben ein, der gerade rücksichtslos der Sekretärin eine erst letzte Woche gelernte rhythmische Verdopplung aufzwang, hatte sie schon verbal in einem Nachruf erledigt ... mit großem Einsatz im Vorstand seines Vereins, ... Motorradfan, seinen Freunden immer eine große Hilfe, ... , seine hübsche erste Ehefrau ging mit den fünfjährigen Zwillingstöchtern zurück nach Italien ...

 

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Da fällt ihr Blick auf Stefan. Als einzigen hatte sie ihn bis jetzt nicht mit Wörtern bezwingen können. Sie tanzt selten mit ihm. Sie mag seinen Geruch, seinen gepflegten Körper, seine Umarmung, seine eindeutige, immer präzise Führung. Gerne spürt sie seine feinfühligen Hände auf ihrer Haut. Aber in der schnellen Abfolge präziser Schrittkombinationen, durch die er sie mit perfekter Technik jagt, findet sie nie Platz, die Melodien, die sie so liebt, mit all ihrer Weiblichkeit zu leben. Vielleicht ist das der Grund, warum sie mit Stefan bis heute noch nicht zusammengezogen ist.